Ich habe mit Philipp Pichler darüber gesprochen, was bewusstes Denken für ihn bedeutet und wie es seine Arbeit als agiler Organisationsentwickler prägt.

Philipp, wer bist du und was machst du?

Ich bin in vielen Organisationen unterwegs und liebe die Schnittstelle zwischen Menschen und technischen Fragestellungen. Spannend wird es immer dann, wenn es Knackpunkte gibt, wo man an etwas Wichtigem und Kniffligen arbeitet und sich fragt: Wie bringt man das gut in die Umsetzung – und wo ist eigentlich der Mensch dabei? Besonders dort, wo Abteilungen oder komplexere Systeme miteinander abgestimmt werden müssen. Ich habe viele Ausbildungen im systemischen und agilen Bereich, gleichzeitig aber auch einen inhaltlich-technischen Background. Diese Verknüpfung macht meinen Beruf spannend.

Wie würdest du deine Rolle oder deinen Job bezeichnen?

Organisationsentwickler – im Kontext von Agilität.

Warum hast du dem Interview zum Thema ‚bewusst denken‘ zugestimmt?

Bewusst denken‘ kann so viel bedeuten. Es kann Selbstreflexion sein, aber auch Selbstzerfleischung, wenn man es übertreibt. Es kann bedeuten, dass man unbewusste Gedankenschleifen hat – und spannend wird es dann, wenn man Dinge, die einem vorher gar nicht bewusst waren, plötzlich ins Bewusstsein holt. Unter bewusstem Denken versteht man manchmal etwas sehr Rationales. Für mich gehört aber viel mehr dazu: auch Gefühle, innere Anteile, Emotionen, die eigene Gefühlswelt bewusst wahrzunehmen und erklären zu können. Das ist für mich bewusstes Denken. Und diese Prozesse kann man steuern – aber nur, wenn sie bewusst werden.

Welche Bedeutung hat bewusstes Denken für deinen Job als Organisationsentwickler?

Für mich geht es viel darum, ein Spiegel zu sein – oder einen Spiegel anzubieten. Alles, was hilft, damit ein System sich selbst bewusster sieht. Das können Visualisierungen sein, Modelle, Abläufe oder die Schärfung von Begriffen im System. Oft fehlen Worte, um Dinge auszudrücken, die in Menschen da sind. Wenn ich Begriffe wie ‚koordinative Ebene‘ einführe, entsteht plötzlich ein gemeinsames Verständnis. Auch emotionale Aspekte sichtbar zu machen – wie Angst oder Unsicherheit – ist wertvoll. Wobei das im beruflichen Kontext immer noch ein sensibles Thema ist. Aber wenn man es thematisiert, macht es einen riesigen Unterschied.

Hast du ein konkretes Beispiel dafür?

Ja, eines meiner schönsten Beispiele war ein Workshop mit einer Abteilung von etwa 50 Personen. Wir haben mit Visualisierungs-Boards gearbeitet – typische agile Visualisierung. Die Leute haben ihre Arbeitspakete, Themen und Abläufe an die Wand geklebt. Und wir haben das nicht nur einmal gemacht, sondern parallel in zwei Gruppen. Plötzlich war sichtbar: Beide Gruppen schauen auf dasselbe System, aber sie sehen unterschiedliche Dinge. Wenn eine dritte Gruppe draufschauen würde, gäbe es wahrscheinlich noch eine dritte Sicht. Da geht es dann nicht darum, wer recht hat, sondern einfach mal darum, darüber zu reden und Sichtweisen abzugleichen. Am Ende hatten wir vier oder fünf Boards und die Übergänge dazwischen – und dadurch so viel Gesprächsstoff und neue Erkenntnisse. Die Leute haben sich zwei Tage Zeit genommen, um ihr eigenes System zu erforschen. Das war ziemlich cool.

Meinst du, dass dadurch neue Gedanken bei den Teilnehmenden entstanden sind?

Ja, da war vorher vieles nicht so klar.

Was nimmst du als zentrale Erkenntnis daraus mit?

Mir gefällt das einfache Modell von Reiz und Reaktion, das auch im Buch vorkommt. Wir erleben etwas – und reagieren sofort. Chef kommt rein, gibt Arbeit – und man sagt automatisch ja. Wenn man aber bewusst dazwischen geht und sich fragt: Macht das Sinn? Welche anderen Möglichkeiten gibt es? Dann entsteht Handlungsspielraum. Und das funktioniert nur, wenn ich weiß, was im System los ist – zum Beispiel durch Visualisierung. Bewusstes Denken bedeutet nicht gleich lösen, sondern zuerst merken: Ich hätte eine Wahl. Und genau dieser Prozess des Aufdeckens macht mir Spaß. Und dann die angestoßenen Prozesse bei Menschen zu sehen.

Welchen Rat würdest du Leserinnen und Lesern geben, die bewusster handeln wollen?

Das Erste, was mir kommt: Zuhören. Wirklich zuhören. Man kommt mit der eigenen Brille und eigenen Konzepten – aber bevor ich irgendetwas anleite oder Lösungen anbiete, versuche ich zu verstehen, was beim Gegenüber gerade wirklich relevant ist. Bewusst denken heißt auch: nicht gleich handeln, sondern sich selbst beobachten – was nehme ich wahr, was interpretiere ich vielleicht falsch?

Ist das gemeint wie: zuerst erfassen, dann planen, dann handeln?

Ja – aber mit dem Wissen, dass ich immer eine eigene Brille aufhabe. Ich versuche, das Gegenüber zu erfassen, aber auch meinen eigenen Filter. Vielleicht sehe ich ein Problem, das gar nicht das eigentliche Problem des anderen ist. Genau deshalb ist das Erfassen so wichtig.

Welche Frage sollten wir uns noch stellen?

Ich würde den Unterschied zwischen Denken und Fühlen ansprechen. Am spannendsten an deinem Buchtitel ist für mich das Wort ‚bewusst‘. Bewusst fühlen bedeutet: wahrzunehmen, was im Moment auf einer nicht-kognitiven Ebene passiert – unser Bauchgefühl. Wir können Gefühle erklären, aber wir können sie auch wirklich spüren. Und erst dann kann Denken helfen, es einzuordnen. Wenn man erkennt, dass das zwei verschiedene Dinge sind, ist man schon weit.

Lieber Philipp, vielen Dank für deine Einblicke und deine Zeit.

Das war Philipp Pichler – ein agiler Organisationsentwickler mit dem Fokus darauf, Mensch zu sein.

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